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Die Entwicklung der Immunologie in der Donaumonarchie und Ersten Republik

H. Eibl
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Ausgehend von der Entdeckung Behrings, durch Blut bzw. Blutserum von immunisierten Tieren die Immunität dieser gegen eine bestimmte Infektion auf andere Tiere zu übertragen, und den ersten erfolgreichen Behandlungen beim Menschen mit von Pferden gewonnenen Heilseren, kam es alsbald in verschiedenen europäischen Staaten zur Gründung von Instituten, die sich mit der Gewinnung solcher Heilseren beschäftigten; so auch in der damaligen Donaumonarchie, wo in Wien auf Initiative von Paltauf ein Lyssa- und ein Serotherapeutisches Institut gegründet wurde.

Auf rein akademischem Gebiet war es Max von Gruber, der einem Ruf nach Wien als Leiter des neuen Instituts für Hygiene folgte. Gruber wurde durch die Entdeckung der Agglutination von Typhus- und Cholerakeimen durch Seren infizierter Tiere und Menschen bekannt. Dieselbe Entdeckung wurde unabhängig von Widal 1897 gemacht, sodaß dieses auch heute noch angewandte diagnostische Prinzip als Gruber-Widal-Reaktion beschrieben wird.

Obwohl die direkten Beiträge Paltaufs mehr auf dem Gebiet der Pathologie und experimentellen Pathologie lagen, waren einige seiner Assistenten wie Kraus und Pick und später Eisler-Terramare intensivst auf dem immunologischen Gebiet tätig. Kraus gelang 1897 die Entdeckung der Präzipitation, nachdem er Bakterienlysate durch ein bakteriendichtes Filter geleitet hatte und mit diesen entkeimten Filtraten und den entsprechenden Antiseren, unabhängig davon, ob sie von Menschen oder immunisierten Tieren gewonnen worden waren, Präzipitate erhalten konnte. Daraus ergab sich, daß nicht nur Bakterien, sondern auch deren lösliche Bestandteile mit Antikörpern menschlicher oder tierischer Herkunft reagieren und daß dabei sichtbare Niederschläge entstehen können.

In Zusammenhang mit der Wertbemessung neutralisierender Antikörper gegen Toxine verfügte Ehrlich bereits aus früheren Untersuchungen mit dem pflanzlichen Toxin Rizin über eine lange Erfahrung und entwickelte eine theoretische Grundlage für die Toxinneutralisierung durch spezifische Antikörper, im Rahmen der von ihm postulierten Seitenkettentheorie.

Während verständlicherweise Paltauf und seine Assistenten dieser Theorie als Grundlage der Toxin-Antitoxinneutralisation voll und ganz zustimmten, konnte sich Gruber dieser Meinung nicht anschließen und geriet dadurch gewollt oder ungewollt in scharfen Gegensatz zu der von Paltauf und seiner Schule energisch vertretenen Meinung Paul Ehrlichs.

Ein noch junger Mediziner, der damals 28jährige Karl Landsteiner, der auch über eine vorzügliche chemische Ausbildung verfügte, bewarb sich erfolgreich am neu errichteten Hygieneinstitut unter Leitung von Max von Gruber um einen Arbeitsplatz. Landsteiner wurde 1868 in Wien geboren. Sein Vater stirbt sieben Jahre später. Er maturiert 1885 und beginnt seine Universitätslaufbahn. Knapp vor Beendigung dieser wird er 1890 gemeinsam mit seiner Mutter in der Schottenkirche getauft und erhält den Namen Karl Otto Landsteiner. Seine Promotion erfolgt einige Monate später. Sein breites Interesse führt ihn vor seiner Tätigkeit am Hygieneinstitut in verschiedene, sehr bekannte chemische Universitätslaboratorien. Er hospitiert an medizinischen Kliniken und arbeitet als Chirurgie-Zögling.

Sehr früh entwickelt Landsteiner seine eigenen Sichten auf wissenschaftlichem Gebiet, was auch dazu führt, daß er die Antigen-Antikörper-Reaktion entscheidend anders betrachtet als Paul Ehrlich und seine Schule. Im wesentlichen ist Landsteiner der Gruberschen Sicht zugeneigt, entwickelt selbst aber eine Hypothese, die von Max von Gruber mitgetragen wird, auch als Landsteiner nach einer etwa einjährigen Tätigkeit das Hygieneinstitut verläßt.

Landsteiner tritt 1897 als Volontärassistent ins Pathologisch-anatornische Institut ein, wird einige Monate später auch besoldet, und nicht ganz ein Jahr später Assistent des berühmten Bakteriologen Weichselbaum, der ihn 1903 zur Habilitation vorschlägt. Seine Tätigkeit am Pathologisch-anatomischen Institut ist äußerst intensiv. Neben einer Reihe wichtiger Entdeckungen gelingt es ihm vor allem, die menschlichen Blutgruppen und Isoagglutinine detailliert zu erforschen und damit das Blutgruppensystem des Menschen zu etablieren. Außerdem führt er während seiner zehnjährigen Tätigkeit über 3600 Obduktionen durch.

Der Streit um Paul Ehrlichs Seitenkettentheorie zur Erklärung der Vorgänge der Antigen-Antikörperreaktion setzt sich weiter fort. Landsteiner weist immer wieder darauf hin, daß diese Reaktion und die von Paul Ehrlich und seinen Mitarbeitern, insbesondere Morgenroth, angenommene chemische Bindung zwischen Antigen und Antikörper nicht stattfindet. Die differenten Ansichten führen zu Streitgesprächen zwischen Max von Gruber und der Gruppe von Paul Ehrlich, zu der nicht nur seine eigenen Mitarbeiter, sondern auch die Assistenten Paltaufs zählten. Als Konsequenz der in den Jahren 1901 und 1902 eskalierten Auseinandersetzungen, folgt Max von Gruber 1902 einem Ruf an das Hygieneinstitut München und verläßt Wien. Schon bei seiner Gedächtnisrede 1895 zum Ableben Pasteurs, hatten sich diese Gegensätze angebahnt, da Gruber immer mehr zu den wissenschaftlichen Denkweisen von Pasteur und seinen Mitarbeitern tendierte als zu jenen des Berliner und Frankfurter Forscherkreises um Robert Koch bzw. Paul Ehrlich; seit dem deutsch-französischen Krieg hatten sich zwischen diesen Gruppierungen starke Animositäten entwickelt.

Ein junger Mitarbeiter Paltaufs, Löwenstein, beschäftigt sich mit einem schwierigen Problem. Die bei der Immunisierung von Tieren verwendeten Bakterienkulturen rufen sehr starke lokale wie systemische Reaktionen hervor, die manchmal zu schweren Erkrankungen und zum Tod der Tiere führen.

Schon in den frühen Untersuchungen von Behring wird immer wieder versucht, durch Behandlung mit verschiedenen Substanzen die Wirkung bakterieller Toxine zu mitigieren und dadurch eine gefahrlose Immunisierung der Tiere zu erreichen. Aber ein wirklicher Erfolg bleibt aus. Auch die von Ehrlich behauptete Entgiftung von Toxinen mit Schwefelkohlenstoff stellte sich als nicht reproduzierbar heraus.

Unter den vielen damals verwendeten Desinfektionsmitteln konnte zunächst keines gefunden werden, das zu einer Mitigierung, aber nicht zu einer Zerstörung der toxischen und antigenen Wirkung führte. Der erste Erfolg stellte sich bei Löwenstein ein, der Toxine mit Formol und intensiver verschiedenfärbiger Beleuchtung behandelte und schließlich zu dem Resultat gelang, daß mit Rotlicht bestrahltes Toxin, dem vorher Formaldehyd zugesetzt wurde, bei zumindest teilweiser Erhaltung seiner antigenen Wirkung entgiftet wird.

Etwa zu gleicher Zeit und in Fortsetzung seiner Entdeckung der Blutgruppen bearbeitete Landsteiner 1904 noch weitere Hämagglutininsysteme, darunter auch einige gemeinsam mit Eisler-Terramare. Dieser wendet sich aber später einem anderen Gebiet am Serotherapeutischen Institut zu. Es gelingt ihm, aufgrund seiner guten chemischen und physikalischen Ausbildung, gemeinsam mit Löwenstein zu beweisen, daß es für die Entgiftung von bakteriellen, pflanzlichen und tierischen Toxinen, soweit sie Proteine darstellen, mit Hilfe von Formaldehyd nicht der Bestrahlung von Rotlicht bedarf, sondern Wärme der entscheidende Faktor bei dieser Entgiftung ist. Beide Forscher arbeiten auf diesem Gebiet gemeinsam weiter und nach einigen Jahren gelingt es, Formoltoxoide soweit systematisch zu entwickeln, daß konstante tierexperimentelle Ergebnisse bei der Immunisierung erhalten werden können und schließlich die Möglichkeit der Immunisierung von Großtieren und von Menschen geplant werden kann.

Ab 1908 entwickelt Landsteiner seine Vorstellungen über Antigene und ihre Reaktion mit ihren Antikörpern systematisch mit dem Kolloidchemiker Wolfgang Pauli - dem Vater des Physikers und Nobelpreisträgers Pauli -weiter.

Landsteiner kann zunächst gemeinsam mit Jagitsch, dem späteren Kardiologen, eine Reihe grundlegender Arbeiten über Reaktionen kolloidaler Substanzen und Vergleiche mit der Antigen-Antikörper-Reaktion anstellen. Später gelingt es ihm dann gemeinsam mit Pauli, einen Elektrophereseapparat zu entwickeln, mit dem die Wanderung von Antigenen, Antikörpern und ihren Komplexen im elektrischen Feld gezeigt werden kann. Diese Apparatur ist letzten Endes die Grundlage der ein Vierteljahrhundert später entwickelten Elektrophereseapparatur des Nobelpreisträgers Tiselius.

Landsteiner weist auch immer wieder daraufhin, daß es sich bei Antigen-Antikörper-Reaktionen letzten Endes um Reaktionen zwischen Kolloiden handelt und daß die von Ehrlich in seiner Seitenkettentheorie ausgesprochene chemische Bindung, wir würden heute kovalente Bindung sagen, nicht stattfindet.

Diese unterschiedlichen Sichten führten immer wieder zu versteckten und manchmal auch offenen Auseinandersetzungen in Publikationen und anderen wissenschaftlichen Berichten.

1908 verläßt Landsteiner das pathologisch-anatomische Institut, nimmt eine Stelle als Prosektor im Wilhelminenspital an und wendet sich dort intensiv tierexperimentellen Erforschungen der Syphilis und der Kinderlähmung zu. Es gelingt ihm, Syphilis auf Affen zu übertragen, nachdem sich aIle anderen Tierarten als ungeeignet erwiesen hatten. In jenen, bei diesen Untersuchungen nicht erkrankten Tieren, versucht er, eine Poliomyelitis zu erzeugen, indem er Obduktionsgut von an Poliomyelitis verstorbenen Patienten auf diese Tiere parenteral überträgt. Ein Cynomolgusaffe, der Rückenmarksubstanz eines an Poliomyelitis verstorbenen Kindes intraperitoneal injiziert erhält, zeigt nach einigen Tagen Lähmungen und stirbt; ein anderes Versuchstier zeigt nur Lähmungen. Entscheidend ist, daß Landsteiner die für Poliomyelitis charakteristischen histologischen Veränderungen im Zentralnervensystem beider Tiere findet. Landsteiner stellt diese Ergebnisse 1908 gemeinsam mit Erwin Popper, einem Assistenten der Abteilung für Kinderkrankheiten am Wilhelminenspital, der Gesellschaft der Ärzte vor. Die entsprechende Publikation erfolgt im Jahr darauf.

Landsteiner setzte seine tierexperimentellen Arbeiten auf dem Gebiet der Poliomyelitis weiter mit Levaditi vom Institut Pasteur fort. Diesen grundlegenden Arbeiten verdanken wir, daß etwa 50 Jahre später ein sicherer Impfstoff gegen Kinderlähmung hergestellt werden kann, nachdem die Unglücksserie in den Jahren 1955 und 1956 mit dem von Salk entwickelten Impfstoff zunächst zu einer Einstellung der Produktion dieses Impfstoffes geführt hatte.

Zwei weitere Wissenschafter treten mit ihren Arbeiten auf dem immunologischen Sektor bedeutsam hervor. Es sind dies Paltaufs Assistent Pick und der aus Baltimore von seinem Lehrstuhl für Pädiatrie an der Johns-Hopkins-Universität zurückgekehrte Kinderarzt Pirquet. Pick, der am Anfang seiner Tätigkeit noch unter dem Eindruck der Ehrlichschen Seitenkettentheorie steht, entfernt sich zunehmend von dessen Vorstellungen und neigt sich immer mehr Landsteiners Sicht zu. In der Folge gelingt es ihm, Antigenen durch chemische Modifikation neue Spezifitäten zuzuordnen. Er verläßt 1906 den Paltaufschen Kreis und wird Assistent am Pharmakologischen Institut, wo er seine immunologischen Arbeiten fortführt.

Pirquet entwickelt seine Vorstellungen zu dem Phänomen, daß wiederholte Behandlung mit Substanzen, die Antigencharakter aufweisen, zu verschiedenen unterschiedlichen lokalen und systemischen Reaktionen führen kann. Er führt den Begriff der Allergie für dieses Phänomen ein. Es gelingt ihm, mit der nach ihm benannten Pirquetreaktion mit Hilfe von Tuberkulin bei den Patienten eine stattgefundene bzw. andauernde aktive Infektion mit Tuberkelbazillen nachzuweisen.

Die Donaumonarchie steht vor ihrem Eintritt in den 1. Weltkrieg, der verständlicherweise zu einer weitgehenden Umstrukturierung in der medizinischen Forschung führen wird. Landsteiner ist als Prosektor und Leiter der Pathologie des 1. Kriegsspitals mit Obduktionen überlastet. Eisler-Terramare und Löwenstein versuchen, das von ihnen gewonnene Formoltoxoid erstmals beim Menschen einzusetzen. Die von Löwenstein erhaltenen tierexperimentellen Ergebnisse ermöglichen es Eisler-Terramare, eine kleinere Gruppe von Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee mit dem Tetanusformoltoxoid zu impfen.

Die Ergebnisse sind zunächst nicht befriedigend, da die bei Meerschweinchen erzielten Antitoxintiter beim Menschen nicht erreicht werden können. Bei der Immunisierung von Pferden und auch von Kleintieren war man gewohnt, Titer von 100 und mehr Einheiten pro Milliliter Serum zu erzielen. Heute wissen wir, daß dieser Versuch sehr wohl erfolgreich war, man damals aber noch nicht wußte, daß ein Hundertstel einer Antitoxineinheit per Milliliter Serum genügt, um einen Menschen erfolgreich gegen Wundstarrkrampf zu schützen.

Das Ende des 1. Weltkriegs, insbesondere die letzten beiden Jahre dieses Krieges, haben schreckliche Spuren hinterlassen. Hirszfeld, der 1919 Wien besucht, beschreibt Landsteiner als menschliches Wrack, bedingt durch seine chronische Unterernährung. Landsteiner wird 1919 mitgeteilt, daß seine Bezüge vom Wiener Krankenanstaltenfonds ab 31. Dezember des Jahres eingestellt würden und weitere Zahlungen durch das Land Niederösterreich erfolgen sollten. Landsteiner, der sich 1915 verehelicht und ab 1917 einen Sohn Karl-Ernst hatte, sah sich, wie Eisler-Terramare meinte, insbesondere wegen der katastrophalen Unterversorgung, die durch akuten Milchmangel besonders Kleinkinder betraf, veranlaßt, seiner Heimat den Rücken zu kehren. Er entschloß sich, eine Stellung in Den Haag als Prosektor des katholischen Krankenhauses anzunehmen. Noch dazu wurde ihm mitgeteilt, daß er am 20. Mai des folgenden Jahres in den Ruhestand versetzt würde, mit einem - bedingt durch die damalige Inflation - derart geringen Einkommen, daß nicht einmal das Allernotwendigste davon bestritten werden konnte.

Seine Zeit in Holland, in der er trotz allem seine wissenschaftlichen Arbeiten und Publikationen fortsetzte, stand unter keine, sehr guten Stern. Seine Labortätigkeit mußte er in einem Raum ausführen, in dem Harnanalysen des Spitals durchgeführt wurden und der außerdem noch als Kaffeeraum für Mitarbeiter des Hospitals diente. Als Hilfe stand ihm zeitweise eine Nonne zur Verfügung,, deren Zeit durch Unterbrechungen für Gebete und durch ihre Tätigkeit als Organistin in der Spitalskapelle äußerst begrenzt war. Nichtsdestotrotz war Landsteiner neben seiner Prosektortätigkeit in der Lage, von 1919 bis 1921 neun wissenschaftliche Arbeiten zu publizieren. Obwohl die Lebensbedingungen in Holland wesentlich besser waren als die in Österreich, folgt er der Einladung von Simon Flexner, dem Direktor des Rockefeller- Instituts, an dieser bedeutenden wissenschaftlichen Institution zu arbeiten.

Nach Kriegsende setzte Eisler-Terramare seine Tätigkeit unter Paltauf am Serotherapeutischen Institut fort. Rudolf Kraus, der kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs Österreich verlassen hatte, zehn Jahre in Südamerika, zumeist Argentinien und Brasilien, verbrachte, wichtige mikrobiologische Arbeiten durchführte und eine Reihe von Schülern heranbildete, kehrt 1923 wieder an das Serotherapeutische Institut zurück.

1924 stirbt Paltauf, das nunmehr staatliche Serotherapeutische Institut ist in katastrophalen wirtschaftlichen Nöten. Eisler-Terramare war es nicht möglich, unter diesen Bedingungen die von ihm und Löwenstein erfundenen Formoltoxoide weiterzuentwickeln, um daraus sowohl veterinäre als auch humane Impfstoffe herzustellen. Vielmehr waren es Ramon und seine Mitarbeiter am Institut Pasteur sowie Glenny und Mitarbeiter, die diese Entwicklung von Formoltoxoiden zu fertigen Impfstoffen äußerst erfolgreich nach Ende des I. Weltkriegs fortsetzten.

Ramon spricht nicht mehr von Toxoiden, ein Begriff der aus der Ehrlichschen Seitenkettentheorie stammt, sondern bezeichnet die aus bakteriellen Toxinen gewonnenen Formoltoxoide als Anatoxine. Es gelingt ihm, eine genaue Quantitierung dieser Anatoxine vorzunehmen, sie zu reinigen und so zu fertigen Impfstoffen zu gelangen, die sowohl bei Menschen als auch Tieren anwendbar sind.

Hei1seren gegen Diphtherie, die aus immunisierten Pferden gewonnen wurden, setzte man aus verschiedenen Gründen nur zur Therapie, nicht aber zur Prophy1axe ein, hingegen kamen Mischungen von Diphtherietoxinen mit von Pferden stammenden Diphtherieantitoxinen, die Behring entwicke1t hatte, noch vor dem 1. We1tkrieg a1s Diphtherieimpfstoff zum Einsatz. Die Erkrankungsrate an Diphtherie war nach wie vor sehr hoch und ebenso die Leta1ität dieser Erkrankung, sodaß die Suche nach einem geeigneten Impfstoff anhielt.

1924/25 ereignete sich in Baden ein fürchterliches Unglück. Kleinkinder, die mit solchen Diphtherietoxin-Antitoxinimpfstoffen geimpft wurden, verstarben an Diphtherietoxinvergiftung. Eine intensive Aufklärung dieser Vorgänge setzte umgehend ein. Der staatliche Kontrolleiter Busson, der für die Freigabe dieser Impfstoffe verantwortlich war, behauptete, daß sich das verwendete Diphtherietoxin-Antitoxingemisch zersetzt hätte und dabei Toxin frei geworden wäre. Grassberger, der Leiter des Hygieneinstituts, als Gutachter bestellt, wies aber darauf hin, daß in diesen inkriminierten Impfstoffen serologisch kein Pferdeeiweiß nachweisbar gewesen wäre, sodaß es offenbar bei der Herstellung zu einer Verwechslung der Ausgangsmateralien gekommen sein müßte.

Im Rahmen der Wiener Ärztegesellschaft kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Busson und Grassberger, die damit endete, daß Grassberger aus der Gesellschaft der Ärzte ausschied. Der gesamte Vorfall wurde niemals restlos geklärt.

Die Gefahr der Giftigkeit solcher neutralisierten Toxin-Antitoxingemische war im Prinzip potentiell vorhanden. Durch die Ehrlichschen Vorstellungen wurde sie aber zunächst als risikoarm betrachtet, da eine feste chemische Bindung zwischen Antigen und Antikörper angenommen werden konnte.

Dieser Sicht widersprachen Landsteiner und Pauli und später auch Pick, indem sie die Meinung vertraten, es handele sich hier nicht um eine chemische Bindung üblicher Art, sondern um eine Reaktion zwischen Kolloiden. Schon einige Jahre vor dem Badener Zwischenfall, drei Jahre nach de Tod von Paul Ehrlich im Jahr 1914, stellte sein ehemaliger Assistent Morgenroth fest, daß es keine Beweise mehr dafür gebe, daß die Antigen-Antikörperreaktion eine chemische Reaktion im üblichen Sinne sei. Die Meinung Landsteiners hatte sich somit endlich durchgesetzt.

Ähnliche Zwischenfälle wie in Österreich nach der Diphtherieimpfung traten auch in USA auf und bei genaueren Untersuchungen solcher Toxin-Antitoxingemische stellte sich heraus, daß die Sprengung dieser Komplexe durch physikalische Einwirkungen möglich ist. Bei weiteren Untersuchungen zeigte sich, daß die Zwischenfälle in USA offenbar dadurch zustande gekommen waren, daß neutralisierte Toxin-Antitoxigemische durch einfaches Einfrieren und Wiederauftauen toxisch geworden waren.

In den weiteren Jahren gelingt es am Serotherapeutischen Institut nicht, Diphtherieformoltoxoid genügend gut zu reinigen und somit die starken lokalen und systemischen Reaktionen zu vermeiden. Löwenstein versucht, perkutan mit einer diphtherietoxoidhältigen Salbe zu immunisieren. Damit erhält man allerdings bei den Impflingen so starke unterschiedliche Ergebnisse, daß diese Möglichkeit der perkutanen Immunisierung nicht weiter verfolgt wird.

Nachdem er 1929 die US-Staatsbürgerschaft erhalten hatte, erhält Landsteiner 1930 zu seiner eigenen Überraschung den Nobelpreis für Medizin für die von ihm 30 Jahre zuvor entdeckten Blutgruppenmerkmale menschlicher Erythrozyten und ihrer korrespondierenden Isoagglutinine.

Landsteiner äußert zu seinen Mitarbeitern, daß es ihn mehr gefreut hätte, wenn er den Nobelpreis für die systematische Auffindung determinanter Gruppen in Antigenen erhalten hätte. Diese Arbeitsrichtung, die von ihm schon in den Jahren seiner Wiener Zeit eingeleitet und unabhängig davon von Pick und Mitarbeitern verfolgt worden war, habe, so meinte er ferner, eine größere wissenschaftliche Bedeutung gehabt als die Entdeckung der menschlichen Blutgruppenmerkmale.

Überhaupt ist Landsteiner mit seiner Tätigkeit am Rockefeller-Institut nicht sehr zufrieden. Seinen Mitarbeitern gegenüber bezeichnet er Simon Flexner, den Leiter des Instituts, als 'Emperor', der es ihm nicht gestattet, über sein ihm eher eng erscheinendes Arbeitsgebiet hinauszugehen. Auch die laufende Reportverpflichtung, seine eigene Tätigkeit betreffend wie die seiner Mitarbeiter, findet er überflüssig. Flexner hindert Landsteiner auch, auf dem Gebiet der experimentellen Poliomyelitisforschung weiterzuarbeiten; man kann darüber spekulieren, ob 1955/56 die Polioimpfstoffkatastrophe in USA hätte verhindert werden können, wenn Landsteiner die Möglichkeit gehabt hätte, seine in Wien begonnenen Entwicklungen am Rockefeller-Institut fortzusetzen.

Sein Wunsch, eine genügende Unabhängigkeit durch die Leitung eines wissenschaftlichen Instituts zu erhalten, bleibt unerfüllt; ebenso wie der Wunsch von Eisler-Terramare, der mittlerweile die Nachfolge des 1932 verstorbenen Kraus als wissenschaftlicher Leiter des Serotherapeutischen lnstituts angetreten hatte, den Nobelpreis für die Gewinnung von Formoltoxoiden zu erhalten.

Bedingt durch die wirtschaftliche Depression, durch politische Wirren und die Auswanderung von Forschern wird in der Zwischenkriegszeit die immunologische Forschung in Mitteleuropa durch einschlägige Forschung in USA überflügelt. Ein Vergleich der Anzahl der Publikationen in der 'Zeitschrift für Immunitätsforschung' und im 'Journal of Immunology' macht deutlich, daß die Summe der Beiträge aus dem angloamerikanischen Raum ungleich höher ist.

Das staatliche Serotherapeutische lnstitut wird in den 30er Jahren an eine ungarisch beherrschte Gesellschaft, die Serum-Union, verpachtet und kann sich zunächst wirtschaftlich behaupten. Der Anschluß der Gebiete der I. Republik an das Deutsche Reich setzt dieser Entwicklung ein Ende. Die Gesellschaft und mit ihr das Serotherapeutische lnstitut werden arisiert und gehen schlußendlich in den Besitz der Farbwerke Hoechst/ Behringwerke über. Die leitenden Mitarbeiter zerstreuen sich. Landsteiner emeritiert 1939, es wird ihm aber die Gelegenheit gegeben, am Rockefeller-lnstitut weiterzuarbeiten. Er erleidet dort 1943 einen schweren Herzanfall und stirbt zwei Tage später im Alter von 75 Jahren.

Der 2. Weltkrieg hat begonnen. Die Soldaten der alliierten Streitkräfte sind im Gegensatz zu den Truppen der Achsenmächte mit Tetanusformoltoxoidimpfstoffen immunisiert. In den Produktionsstätten des ehemaligen Serotherapeutischen Instituts wird nach wie vor nur Pferdeserum hergestellt. Eisler-Terramare wird in ein Konzentrationslager verbracht und überlebt wie durch ein Wunder. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs wird er wissenschaftlicher Leiter des von der 2. Republik errichteten Bundesstaatlichen Serotherapeutischen Instituts und verbleibt in dieser Position mehr als 10 Jahre. 1m Rahmen der Entwicklung der 2. Republik gelingt es, die wissenschaftliche und technologische Forschung auf dem Gebiet der Immunologie auf internationales Niveau zu heben und Osterreich somit wieder jene Position zu verleihen, die es vor dem 1. Weltkrieg innegehabt hatte.

 

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